
Liebe Menschen! Gestern durfte ich mit zu einem
Johannis-Feuer-Fest, einer christlichen Version der von den
Heidenmenschen seit Urzeiten gefeierten Sommersonnenwende. Ich erwartete
deshalb auch einen Heidenspass! Bald jedoch musste ich feststellen,
dass ich mich leider unter lauter halbherzigen Heiden befand: ich
durfte zum Beispiel der Hauskatze kein Haar krümmen und wurde
an einem Baum befestigt, als ich es trotzdem versuchte. Als ich
wieder losgebunden wurde, stürzte ich mich auf die Hausschafe
und wurde alsobald wieder angebunden. Schliesslich hatten die Menschen
die Idee, auf der Wiese für mich ein grosses Gitternetzgefängnis
zu errichten. Sie sagten, so könne ich rumtoben und dennoch
nichts anrichten. Als die Hauskatze frech an meinem Gefängnis
vorbeischlenderte, riss ich die Gitternetzgefängnismauern ein
und verfolgte sie. Leider muss ich zugeben, dass Katzen sehr schnell
unterwegs sind - noch schneller als ich! Um mich zu besänftigen,
ging mein Mensch mit mir auf einen langen Spaziergang durch die
Felder. Das war für mich der beste Teil des Festes. Als es
dunkel wurde, geschah etwas Schlimmes: die Menschen setzten sich
rund um ein grosses Feuer und begannen fürchterlich zu jaulen.
Sie nannten das Gejaul "Lieder". Mir wurde angst und bang.
Mein Mensch machte zu allem Überfluss schreckliche Töne
mit einem Holz namens Gitarre, und noch schlimmer war das Holz namens
Geige, das ebenfalls verwendet wurde. Ich wurde vor Entsetzen ganz
still und vergass sogar, die Katze zu jagen, der das Gejaul überhaupt
nichts auszumachen schien und die sich frecherweise gleich neben
dem Feuer bei uns niedergelassen hatte. Das Gejaul wurde immer trauriger
und trauriger, was den Menschen aber Spass zu machen schien. Nachdem
sie mit höchst dramatischen Mienen gesungen hatten:
S's
isch äben e Mönsch uf Ärde***
Simeliberg und ds Vreneli abem Guggisbärg
und Simes Hansjoggeli änet em Bärg
's isch äben e Mönsch uf Ärde
und I möchte bi-n'ihm si
U ma ner mir nid wärde
vor Chummer stirbe n'I
U stirbe n'I vor Chummer
so leit me mi i'ds Grab
I mines Büelis Garte
dert stoh zwöi jungi Böim
Dr eini treit Muschgaate
dr andri Nägeli
Muschgaate die si süess
u Nägeli si räss
I gib's mim Lieb z'versueche
das ä mi nie vergäss
Ha Di no nid vergässe
ha immer a di dänkt
'sisch numeh zwöi Jahr vergange
das mi a'Di ha ghänkt
dert unde i dr Tiefi
dert steiht äs Mühlirad
Das mahlet nüt als Liebi
bi Nacht und ou bi Tag
Das Mühlirad isch broche
und d'Liebi het es Änd
wenn zwöi von enangere scheide
de gäh si enangere d'Händ
lachten sie! Dabei geht es, soweit ich begriffen habe, darum, dass
das Vreneli vor Kummer fast stirbt und ins Grab gelegt werden will,
weil der Hansjoggeli, der hinter dem nächsten Berg wohnt, nicht
sein wird. Da die Katze auch nicht mein wurde und ich deshalb auch
jaulen musste, konnte ich das Vreneli gut verstehen. Aber mittlerweile
war es nach Mitternacht und ich wurde zu müde, um mich noch
angemessen um die Katze kümmern zu können. Schliesslich
schlief ich sogar unter einem Baum friedlich ein, und irgendwann
verstummte zum Glück auch das Gejaul. Das heidnische Fest neigte
sich seinem Ende zu.
Euer Max Amadeo Bacchus
*** «Guggisberglied», erste Strophe, gesungen vom Kirchenchor
Guggisberg (-> NOTEN
zum Mitsingen!)
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